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Vortrag der jüdischen Zeitzeugin Sara Atzmon: "Aus dem Vorhof des Satans"Kurzbiographie

Die Jüdin Sara Atzmon, geb. Gottdiener, wurde als vierzehntes Kind von sechzehn Kindern in Hajdunanas (Ungarn) geboren. 1944 sollten sie und ihre gesamte Familie nach Auschwitz deportiert werden. Der Transport wurde jedoch an der polnischen Grenze angehalten, und die Familie kam erst in ein Arbeitslager, dann in das Konzentrationslager Bergen-Belsen bei der Stadt Magdeburg. In diesem Lager verbrachte Sara Atzmon ein halbes Jahr. Im Jahr 1945, im Alter von zwölf Jahren und mit einem Gewicht von siebzehn Kilogramm, wurden sie und einige Familienangehörige durch das amerikanische Militär befreit. Sechzig Mitglieder ihrer Familie haben das Dritte Reich nicht überlebt. 1945 wanderte Sara Atzmon nach Palästina aus. Dort lernte sie ihren Mann Uri Atzmon kennen und heiratete ihm. Während ihrer Ehe bekam sie sechs Kinder

Vortrag von Sara Atzmon Am 13. Februar 2004 besuchten wir, die Klasse BK 1 B, die Synagoge Freudental, um die Lebensgeschichte der Jüdin Sara Atzmon zu hören. Sie erzählte uns zu Beginn, dass sie ein ganz normales Kind gewesen sei, das sich beispielsweise im Alter von sechs Jahren über Ohrringe mit Türkissteinen gefreut habe. Doch diese normal verlaufende Kindheit wurde jäh gestört. Aufgrund wirtschaftlicher Krisen näherte sich Ungarn immer mehr der nationalsozialistischen Führung Deutschlands an. Die rechtsgerichtete, antisemitische Militärdiktatur unter der Regierung Miklós Horthy begann Anfang der 30er Jahre, die ungarischen Juden zu schikanieren. Beispielsweise wurde dem Vater von Sara der Bart abrasiert. Da Sara Atzmons Familie streng religiös ist, und der Bart ein religiöses Zeichen darstellt, war dies für ihren Vater sehr erniedrigend. Danach zog man ihren Vater und ihre Brüder zur Zwangsarbeit ein. Bei - 42C mussten sie in der Ukraine Straßen anlegen. Im März 1944 besetzten die Deutschen Ungarn. Der Plan Hitlers war 800 000 Juden innerhalb von fünf Wochen zu vernichten. Sara Atzmons Familie und alle anderen ungarischen Juden mussten zuallererst ihren gesamten Besitz und ihre Wohnungen abgeben. Fortan lebte Saras Familie mit einer anderen Familie in einem einzigen Raum. Sara hatte in dieser Zeit nichts zu essen - außer Brot, das ihre Mutter aus Mehl und Gansfett machte, und von dem die Familie drei Wochen lang aß. Wenig später wurde Saras Familie zu einem Sammellager in einer Ziegelfabrik transportiert. Tausende von Menschen benutzten dort vier Wasserplätze und zwei Toiletten. Im Sammellager wurden die Juden gezwungen, Schweinefleisch zu essen, obwohl die jüdische Religion dies strikt untersagt. Als die Juden in Konzentrationslager abtransportiert wurden, mussten jeweils 96 Personen in einen 3,5 x 6 Meter kleinen Viehwagen einsteigen, der nur mit einem Wassereimer und einem Toiletteneimer ausgestattet war. Gerade viele Kranken litten und starben. Als Sara Atzmon im Konzentrationslager Bergen-Belsen ankam, öffneten Soldaten die Türen der Waggons. Sara Atzmon konnte kaum laufen, da sie aufgrund der langen Zugfahrt ihre Füße nicht mehr spürte. Im Konzentrationslager kam sie in einen Raum mit nackten Frauen, die vom Wachpersonal untersucht wurden. Ein Wächter schlug hierbei ihre schwangere Tante so stark, dass sie ihr Kind verlor. In der Folgezeit musste Sara Atzmon wie alle Kinder in der Landwirtschaft arbeiten. Da sie keine eigenen Schuhe mehr hatte, gab man ihr einen Frauenschuh und einen Kinderschuh. Sie verbrachte ein halbes Jahr im Konzentrationslager, ohne die Möglichkeit zu erhalten, sich zu waschen. Der Geruch der Toten und Kranken führte bei Sara Atzmon zu einer starken Magenentzündung. 1944 bombardierten Engländer die Umgebung. Um noch möglichst viele Lagerinsassen zu töten, begann das KZ-Personal, den Juden Giftspritzen zu verabreichen. 1945 wurde das Lager von den Amerikanern befreit. Allein in Bergen-Belsen fand man 50 000 Tote in Massengräbern. Nach der Befreiung war den Juden offen gestellt, wohin sie auswandern wollten: entweder nach Amerika oder nach Palästina. Sara Atzmon ging nach Palästina, dort lernte sie ihren Ehemann kennen. Sie bekamen Kinder, mit denen sie aber nie über die grausamen Erlebnisse der Vergangenheit sprach.

Am Ende ihrer Ausführungen fragten wir Sara Atzmon, wann sie überhaupt auf die Idee gekommen sei, solche Vorträge zu halten. Darauf antwortete sie, dass ein Schulleiter sie eines Tages gefragt habe, ob sie einen Vortrag vor einer Klasse halten möchte. Während sie den Kindern ihre Lebensgeschichte erzählt habe, habe sie gesehen, dass viele Kinder weinten und erst jetzt richtig begriffen, welches Unrecht den Juden widerfahren sei. Sie habe damals erkannt, dass es wichtig ist, Geschichte nicht nur in Büchern nachzulesen, sondern auch durch Zeitzeugen lebendig vermittelt zu bekommen. Auch uns hat ihr Schicksal ergriffen und wir danken sehr Sara Atzmon für ihre Offenheit und ihr Engagement.

Stimmen der Schülerinnen und Schüler zu Sara Atzmons Vortrag:

  • "Die Lebensgeschichte von Sara hat mich sehr berührt. Ich verstehe nicht, wie man Menschen wie Vieh behandeln kann."
  • "Mich hat beeindruckt, wie frei sie über ihr Leben erzählen konnte."
  • "Sie ist eine Frau mit viel Lebenserfahrung: selbstbewusst, stark, mutig und kämpferisch."

Semra Durmus, Rabiye Merdan