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Expertenwissenin die WS holen – Game Over: eine Veranstaltung der etwas anderen Art für unsere Wirtschaftsschüler 2016

„If you like to gamble, I tell you I'm your man“

Eine ganz besondere Erfahrung durften zwei unserer Wirtschaftsschul-Klassen am 26. Januar 2016 im Rahmen unserer Reihe „Expertenwissen in die WS holen“ machen. Bei dieser Reihe geht es darum, Themen die unsere Schüler angehen, von Fachleuten und Praktikern präsentieren zu lassen.

Aufklärung durch Insiderwissen also.Nachdem in den vergangenen zwei Jahren IT-Experten über Risiken und Gefahren im Internet und in sozialen Medien informiert haben, stand in diesem Jahr das Thema Glückspiel auf der Agenda. Das Thema Spielsucht wurde von „Boris und Konsorten“ mittels einer Theater-Performance auf extrem spannende und lebendige Art und Weise präsentiert.

Das ging schon los beim Einstieg in dieProblematik, der sich sehr unorthodox gestaltete. Alle Schülerinnen und Schüler waren pünktlich da, nur der eingeladene Haupt-Referent war nicht rechtzeitig erschienen. Zumindest dachten das alle. Um die Wartezeit zu überbrücken, ging dann nach einigen Momenten einer der übrigen anwesenden Gäste nach vorne, und begann die Schüler in ein lockeres Gespräch zu verwickeln. Natürlich nur um die Wartezeit zu überbrücken… Nach kurzer Zeit dachte aber keiner von den Zuhörern mehr an den noch immer fehlenden Hauptredner. Viel zu intensiv wurde mittlerweile über die Gewinnchancen an einarmigen Banditen und beim Black Jack diskutiert.

Unser „Überbrückungsgast“ gab derweil extrem überzeugend den „Checker“ bzw. den „Automaten-Versteher“ und „Kartenfreund“. Frei nach dem kürzlich verstorbenen Motörhead-Sänger Ian „Lemmy“ Kilmister, der in seinem vielleicht bekanntesten Song „The Ace ofSpades“ bekannte: „Ifyou like togamble, I tellyouI'myour man.“ „Wenn du gerne spielst, dann sage ich dir, ich bin dein Mann.“ Der Song war unserem Gastredner wie auf den Leib geschrieben. Sein Credo war dann auch:„Ich beherrsche alle Tricks und weiß genau, was ich tun muss, um beim Spiel zu gewinnen. Ich bin halt ein echter Checker.“

Natürlich ist er in seiner Leidenschaft oder besser in seiner Sucht nicht allein. Immer wieder hat er Anekdoten und Episoden aus dem Leben seiner Spiel-KumpelsEugen, Charly und Claudiaeingestreut, deren Leben sich gleichfalls fast ausschließlich um das Spielen dreht.Sehr plastisch war bspw. die Schilderung, wie Charly immer an vier Automaten gleichzeitig spielt, weil sonst die Gewinne und der Kick zu niedrig seien. Die Anekdoten haben sehr deutlich die vier Stufen auf der Entwicklung zurAbhängigkeit beschrieben: Genuss, Gewohnheit, Missbrauch und Abhängigkeit.Der klassische Weg in die Sucht!

Staunend nahmen die Schüler zur Kenntnis, mit welchen Beträgen gespielt wird bzw. welche Summen die Betroffenen aufwenden müssen, um ihre Sucht zu finanzieren. Spätestens am Ende als unser Gast als Enttäuschung darüber, dass ihm das seiner Meinung nach zugesagte Entgelt nicht gezahlt wurde, anfing im Raum herumzuschreien, wurde allen Anwesenden klar, wie groß seine Probleme waren. Als er schließlich - wüste Drohungen ausstoßend - aus dem Raum stürmte, ließ er quasi als Abschiedsgruß die Tür in ihren Angeln erzittern. Dieser Auftritt bzw. dieser Abgang ließ das Publikum geschockt zurück, was sich an dem Schweigen zeigte, das daraufhin folgte. Überdeutlich wurde klar, wie wenig die Betroffenen sich und ihr Leben im Griff haben. Ausraster wie der erlebte, sind an der Tagesordnung und belasten das Umfeld der Betroffenen auf extreme Art und Weise.

Im abschließenden Gespräch wurde spätestens deutlich, dass Charly, Eugen und Claudiaauf realen Personen basieren und alle geschilderten Episoden aus der Spielerwelt auf realen Geschehnissen basierten und alles andere als erfunden waren. Richtig dramatisch wurde es dann, als mit Andreas ein weiterer Gast die Bühne betrat und das Wort ergriff. Seit unfassbaren 32 Jahren ist er spielsüchtig und hat im Laufe der Zeit etwa 1,2 Mio Euro verzockt. Spätestens bei Beträgen dieser Größenordnung wird klar, dass hier ganze Existenzen vernichtet werden können. Zwar ist Andreas nach erfolgreicher Therapie mittlerweile „clean“. Er sagt aber selber, dass er in dem Moment, in dem er Geld zur Verfügung hätte, sofort wieder Rückfall gefährdet wäre. Gespielt wird grundsätzlich, solange noch Geld da ist. Oder wie LemmyKilmisteres formulierte und damit schließt sich der Kreis: „The pleasureistoplay, itmakesnodifferencewhatyousay.“

Legal ist die Teilnahme am Glückspiel in Deutschland erst ab 18 Jahren möglich, aber inwieweit die Einhaltung des Jugendschutzes bspw. bei der Teilnahme an Online-Spielen gewährleistet ist, bleibt zumindest fraglich. Schon in jungen Jahren besteht die Gefahr, über Online-Spiele „angefüttert“ zu werden. Zwar sind die Spiele an sich häufig kostenlos, aber um zusätzliche „Leben“, Charaktere oder Ausrüstung zu erwerben, werden schnell größere Beträge fällig. Von dort ist dann der Schritt zum klassischen Glückspiel nicht mehr so weit entfernt. Unter dem Strich durften wir Zeuge einer extrem beeindruckenden Veranstaltung werden, die wir in Zukunft auf jeden Fall an der ASS wiederholen werden.

Wir möchten uns ganz herzlich bei unserem Hauptakteur Alexej Boris, unserem Experten und Betroffenen Andreas sowie bei der Kommunalen Suchtbeauftragten des Landkreises Heilbronn, dem Suchtprophylaxe Baden-Württemberg e.V., den Präventionsbeauftragten des Regierungspräsidiums sowie der Game Over- Selbsthilfegruppe für Spielabhängige für die Unterstützung bedanken. Durch Ihre Unterstützung ist diese Veranstaltung erst möglich geworden.