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Berufsschule

Besuch aus dem Knast

1LO3 mit Pfr. SautterIm Juli haben die Lagerklassen 1LO3 und 2LO4 „Besuch aus dem Knast“ bekommen:

Der evangelische Gefängnispfarrer und -seelsorger Albrecht Sautter brachte aus der Heilbronner Justizvollzugsanstalt den 28-jährigen

Oktay mit. Vor Oktay hatten alle Schüler höchsten Respekt: Noch im Jahr 2001 war er Deutscher Meister im Bodybuilding, was man ihm noch immer ansieht. Seine schwarzen Haare sind zu einem strengen Zopf zusammengebunden und sein Körper ist fast komplett tätowiert, was aufgrund seines engen Muskelshirts gut sichtbar war.

Oktay wird noch bis zum Jahr 2012 im Gefängnis bleiben müssen. Nach eigener Aussage habe er die besten Jahre seines Lebens „in den Sand gesetzt“. Aber gerade deshalb sei es ihm ein Herzensanliegen anderen von seinem Abstieg zu erzählen - als Warnung.

Der junge Türke sitzt nun schon zum vierten Mal im Knast. Diesmal sechs Jahre lang wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Drogenabhängig wurde Oktay bereits, als er fast noch ein Kind war. Kurze Zeit später hat er dann selbst angefangen zu dealen. Bereits als Jugendlicher fuhr er Autos, die er sich auf legalem Wege niemals hätte leisten können. Aber keiner schien sich deshalb zu wundern. Mit 15 Jahren kam er zum ersten Mal neun Monate lang in den Jugendknast. Von Jahr zu Jahr ging es mit Oktay weiter bergab. In der Tiefphase seines Lebens benötigte er 12.000 € monatlich für Drogen, was fast zwangsläufig dazu führte, dass er in die Beschaffungskriminalität abrutschte.

„Im Knast gibt es nichts, was es draußen nicht auch gibt!“ beteuerte Oktay. Allerdings sei das Leben hinter Gittern dennoch hart, wenn man bedenkt, dass dort bis zu 30 unterschiedliche Nationalitäten auf engsten Raum sitzen. Konflikte und Schlägereien seien auch dort an der Tagesordnung. „Manche Häftlinge sind froh, wenn nachts ihre Zellen abgeschlossen werden, weil sie in dieser Zeit vor ihren Mitgefangenen geschützt sind“, berichtete Oktay.

2LO4 mit Pfr. SautterDie meisten der Häftlinge, genauer gesagt 30 %, sitzen in der Heilbronner JVA aufgrund eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, 15% wegen Mord und Totschlag, 10% aufgrund von Sexualdelikten und der Rest u. a. wegen Körperverletzung und Eigentumsdelikten.

Lediglich einmal pro Monat können die Gefangenen eine Stunde lang Besuch erhalten. Die eigenen Kinder darf man alle drei Monate für jeweils sechs Stunden sehen.

Interessant war auch zu erfahren, dass in der JVA pro Schuljahr 12 Gefangene die Chance erhalten ihren Hauptschulabschluss zu machen. Außerdem hätten nur die wenigsten Schüler gedacht, dass im Gefängnis die PFLICHT zur Arbeit besteht! Die JVA hat zahlreiche eigene Betriebe, wie z. B. eine Autowerkstatt, eine Schuhmacherei, eine Schlosserei und eine Buchbinderei. Der maximale Stundenlohn eines Häftlings beträgt 1,50 €. Pro Jahr begehen durchschnittlich 80 Gefangene im Knast Selbstmord. Der Mann, der in Heilbronn am längsten im Gefängnis saß, starb dort vor kurzem nach 49 Knastjahren.

Alle Schüler hörten Oktays Lebensgeschichte gebannt und höchst betroffen zu. Sie stellten zahlreiche Fragen und waren sich abschließend einig: „Oktay scheint dazugelernt zu haben und sein Mut uns so offen an seiner Lebensgeschichte teilhaben zu lassen, ist bewundernswert!“

Claudia Hanak, Klassenlehrerin der 1LO3 und 2LO4